Berichte vor Ort

140 „besorgte Bürger“, darunter Hools, Identitäre und Neonazis, versammeln sich am Dienstag zum „Spaziergang“ in der Ruhrgebietsstadt.

Dienstags-„Spaziergang“ mit Gegenprotest in Herne; © Graf Fencheltee

Die wöchentlichen Hool- und „Wutbürger“-Märsche in Essen-Steele (bnr.de berichtete) werden in einigen Ruhrgebietsstädten offenbar als Modell verstanden. Am 13. Augst lief erstmals eine Gruppe von 60 Männern in der 150.000 Einwohner zählenden Ruhrgebietsstadt Herne ohne Vorankündigung wortlos durch die Stadt. Ihr Outfit entsprach weitgehend dem Hool-Milieu. Anwohner waren beunruhigt, vermuteten eine rechte Gruppierung und riefen die Polizei.

Am Dienstag eine Woche später sollte es jetzt den zweiten Rundgang geben, verbunden mit einer massiven Mobilisierung in der gut vernetzten rechten Szene der umliegenden Städte. Auch die Lokalpresse wurde aufmerksam. Die Marschierer bezeichneten sich selbst laut „Westdeutsche Allgemeine“ als „besorgte Bürger“, die „mit der Entwicklung im Land“ nicht einverstanden seien. Ihr Ziel sei es, „Menschen wachzurütteln“.

Dortmunder Neonazis in Herne

Eine rechtsextreme, auch im Fußball-Milieu verankerte Szene existiert in Herne schon seit mindestens 15 Jahren. Seinerzeit hatte sich die „Borussenfront“ um den Neonazi Siegfried Borchardt („SS-Siggi“) den DSC Wanne-Eickel als Wirkungsstätte ausgesucht: „Borussenfront – eine Legende lebt“ hieß es im Juni 2006 auf ihrem Transparent. 2016 gab es einen Brandanschlag, bei dem ein rechtsextremer Hintergrund vermutet wurde.

Die Atmosphäre am gestrigen Dienstag in Herne war angespannt, aber auch fröhlich. Gegen 18.00 Uhr hatten sich 140 rechte „Wutbürger“ im Stadtzentrum vor der Kreuzkirche versammelt. Unter den Teilnehmern waren auch Vertreter der Neonazi-Partei „Die Rechte“ aus Dortmund, wie Borchardt, Alexander Deptolla, Michael Brück, Matthias Drewer sowie der YouTuber Kevin G.

Kirchenglocken läuten den rechten „Spaziergängern“

Der Gegenprotest aus einem breiten gesellschaftlichen Spektrum hingegen war deutlich stärker. 400 Menschen, viele bewusst bunt angezogen, waren erschienen. Die Kreuzkirche öffnete ihre Pforten für den Gegenprotest. Die Gemeinde hatte große Plakate mit christlich orientierten Losungen wie „Bei uns sind ALLE herzlich willkommen“ aufgestellt. Die Kirchenglocken läuteten in unmittelbarer Nähe der „Spaziergänger“ ununterbrochen.

Vergeblich versuchte der Dortmunder Neonazi Michael Brück, bei der Polizei das Abstellen des Geläutes zu erreichen. Auf zahlreichen Transparenten standen Losungen wie „Herne ist bunt“ und „Make Love noch Wehr“, auch die örtlichen Grünen hatten zu Gegenprotesten aufgerufen und verteilten Blumen unter dem Motto „Blumen statt Hetze“. Die Polizei war stark und sichtbar vor Ort.  Nach 40 Minuten teilte die Polizei per Megafon mit, dass die rechte Gruppe nicht laufen dürfe, da die Kundgebung nicht angemeldet sei.

Zu den 23 sehr rechten Gruppierungen, die für den 8. September in Mönchengladbach zu einer fremdenfeindlichen Großkundgebung mit 300 Teilnehmern mobilisieren, (bnr berichtete) gehört auch eine bisher unbekannte „Bruderschaft Herne“. Auch dies verdeutlicht die überregionale Vernetzung der Herner Gruppierung. Die Gegendemonstranten kündigten unterdessen an, dass sie kommenden Dienstag wieder erscheinen werden.

 

Dieser Artikel von Jennifer Marken erschien zuerst auf Blick nach Rechts