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Hamm und Dortmund: NRW-Neonazis in der Defensive

Dortmunder Funktionär der „Rechten“ sitzt in Untersuchungshaft, mehren Führungskadern drohen lange Haftstrafen. Das Neonazi-Zentrum in Hamm wurde behördlich geschlossen.

Führender Dortmunder Neonazi-Kader Drewer; Photo (Archiv): S.M.

 

Für den hafterfahrenen Dortmunder Neonazi Matthias Drewer sieht es nicht gut aus: Der „Anti-Antifa“-Fotograf und „Die Rechte“-Funktionär („Medienbeauftragter“) wurde am 12. Oktober in Haft genommen. Am Samstagabend war es in Dortmund-Dorstfeld, so vermeldet es die Polizei, zu einem Angriff von Matthias Drewer mit Pfefferspray gegen einen 27-Jährigen gekommen. Dieser sowie seine 22-jährige Begleiterin waren kurz zuvor von Drewer sowie zwei weiteren Rechten in „ihrem Nazikiez“ Dorstfeld aufgefordert worden, sich aus einem Kiosk zu entfernen. Drewer und ein 32-jähriger Neonazi folgten den beiden. Bei dem Angriff wurde der 27-Jährige leicht verletzt.

Die Polizei nahm Matthias Drewer und einen weiteren 32-jährigen Neonazi kurz danach fest. Drewer wurde dem Haftrichter vorgeführt, der wegen Wiederholungsgefahr eine U-Haft verordnete. Die Polizei spricht in ihrer Presseerklärung von einem „Verstoß gegen bestehende Bewährungsauflagen“.

Neonazis marschieren zur JVA

Der langgediente, aus Hamm gebürtige Neonazi war 2013 Vorsitzender von „Die Rechte“ in Hamm. Wegen Beteiligung an einem brutalen Überfall auf Nazigegner in Wuppertal am 24. November 2011 („Flohmarktangriff“ in Wuppertal-Vohwinkel) – eine junge Frau erlitt eine schwere Hirnverletzung – wurde er wie auch drei weitere Wuppertaler Neonazis im September 2014 zu einer Jugendstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt. Zuvor hatte er bereits eine dreimonatige Haftstrafe wegen Beleidigung eines Polizisten erhalten.

Am Montag dieser Woche wollten die Neonazis ihre obligatorische wöchentliche Kundgebung in der multikulturellen Dortmunder Nordstadt durchführen. Stattdessen marschierten 70 Neonazis durch die Innenstadt zur Justizvollzugsanstalt (JVA), um dort gegen die Inhaftierung ihres Gesinnungskameraden sowie des dort einsitzenden Neonazis Steven F. zu protestieren. Weiterhin befinden sich aus ihrem Spektrum unter anderem Alexander W. (JVA Werl), Daniel E. (JVA Castrop-Rauxel) sowie die Shoa-Leugnerin Ursula Haverbeck-Wetzel (Bielefeld) in Haft.

Massiver Protest gegen rassistische Hetze

Der Gegenprotest am Montag war massiv: Insgesamt 2000 Menschen sowohl aus dem antifaschistischen als auch aus dem bürgerlichen Spektrum protestierten unter Verweis auf das mörderische Attentat in Halle an mehreren Orten gegen rassistische und antisemitische Hetze. Die Polizei fertigte unter anderem zwei Anzeigen wegen Zeigens des Hitlergrußes gegen Neonazis.

Der Zorn der Dortmunder Neonazis ist in den letzten Monaten merklich angestiegen: Mehreren ihrer Führungskader droht eine längere Haftstrafe, Christoph Drewer sowie Sascha Krolzig, die sie nächstinstanzlich wohl nicht mehr abzuwehren vermögen. Die Europawahl-Kandidatur war eine krachende Niederlage, verbunden mit der Isolation innerhalb des rechtsextremen und Hool-Spektrums. Gegen den Ende August dieses Jahres in der Dortmunder Innenstadt eröffneten „Thor Steinar“-Szeneladen gibt es massive, nicht abreißende Gegenproteste. Am 26. September wurden die seit etwa fünf Jahren bestehenden Dorstfelder Nazi-Graffiti durch farbenfrohe Botschaften übersprüht. Worden. Ende vergangener Woche war vom Oberverwaltungsgericht Bautzen das vom Dortmunder „Die Rechte“-Funktionär Alexander Deptolla seit mehreren Jahren in Ostritz organisierte Neonazi-Kampfsportevent „Kampf der Nibelungen“ für dieses Jahr untersagt worden. (bnr.de berichtete)

Hammer Nazi-Zentrum behördlich geschlossen

Und es kommt noch dicker für die braunen Aktivisten: Angaben der Mobilen Beratungsstelle Rechtsextremismus Arnsberg zufolge ist das Hammer Neonazi-Zentrum am Kentroper Weg von der Stadt dichtgemacht worden. Seit mindestens sechs Jahren war das Hammer Zentrum wichtigster größerer organisatorischer Treffunkt der Neonazis, regelmäßig fanden dort braune Musikevents sowie Veranstaltungen mit Holocaust-Leugnern statt.  Linke Gruppen forderten seit Jahren die Schließung des Treffpunktes. Noch am 3. Oktober hatten 350 Menschen rund um den „haekelclub 590“ für die Schließung des Nazizentrums demonstriert. Nach einer Ortsbegehung durch Bauordnungsamt und Feuerwehr teilte die Stadt Hamm mit, dass es dort „massive bauliche Veränderungen gegeben“ habe, „für die es keine Genehmigung gibt“; insbesondere Brandschutz und Fluchtwege seien betroffen, twittert der WDR.

 

Dieser Artikel von Susanne Müller erschien zuerst auf Blick nach Rechts